Electrosexual: 'Es ist ein politischer Akt, als queerer Künstler sichtbar zu sein'

Ich sehe kalten Beton, flackerndes Strobolicht, schwitzende Körper. Ich höre einen eklektischen Mix aus EBM, Techno, Acid-House, Italo-Disco und Elektro. Ich spüre den Drang zu tanzen. Bouys/Gerhls: Das alles ist Electrosexual! Verwurzelt in queerer Politik und Ästhetik, steckt hinter dem Projekt der Berliner Musikproduzent und DJ Romain Frequency. Das folgende Interview ist Herzenssache!

Bouygerhl: Du bist mein persönlicher Held. Als ich Dich vor einigen Monaten mit der Frage kontaktierte, ob ich Deine Musik für den BOUYGERHL-Trailer verwenden darf, hast Du sofort und ohne Zögern zugesagt. Wieso?

Electrosexual: Die Idee, ein Archiv für queere Musik aufzubauen, ist super aufregend und längst überfällig. Ich wollte das Œuvre unbedingt unterstützen. Es gibt eine queere Musikgeschichte, und sie muss erzählt werden!

BG: Du definierst Electrosexual als 'Q.E.M. Queer Electronic Music'. Welche Rolle spielt Deine Queerness für Deine Arbeit?

ES: Sie ist die Grundlage und der Antrieb. Sie inspiriert mich. Ich kann mich ausdrücken, indem ich Gender durch Sound, Kunst, Technologie und alternative Sexualitäten erkunde. Und natürlich bezieht sich die Abkürzung Q.E.M. auch auf E.B.M. (Electronic Body Music).

BG: Peaches, Ssion, Hard Ton, Scream Club: Inwiefern ist es Dir wichtig, dass Deine musikalischen Partner*innen ebenfalls aus der queeren (Sub)Kultur kommen?

ES: Ich arbeite hauptsächlich mit queeren Leuten, ich mag einfach die familiäre Atmosphäre. Es entsteht immer diese sofortige Verbindung zwischen Gleichgesinnten, meistens wird daraus eine Freundschaft. Das gibt uns Kraft und Stärke für unsere gemeinsamen Kämpfe.

BG: Innerhalb der Szene gibt es eine Debatte über die Relevanz des Labels 'queer'. Einige wollen nicht auf 'der queere Rapper' oder 'die lesbische Schlagersängerin' reduziert werden. Das verstehe ich! Aber ist ein sichtbares Bekenntnis nicht auch Teil einer authentischen Identität, weniger ein limitierender Faktor? Wie siehst Du das?

ES: 'Queer' mag ein Sammelbegriff sein, aber vor allem ist er politisch. Es ist ein politischer Akt, als queerer Künstler sichtbar zu sein, zu existieren und zu inspirieren. Es löst etwas in mir aus, wenn ich den Begriff 'queer' in Verbindung mit eine*r Künstler*in sehe. Ich bin dann neugierig, diesen neuen Kosmos zu erkunden. Je mehr, desto besser: Es gibt viel Platz in der 'Queer Nation'.

BG: Kürzlich erschien Deine neue Single 'Change Your Mind' sowie das dazugehörige Video. Wer soll seine Meinung über was ändern?

ES: Der Song handelt von der Kraft des eigenen Geistes, und wie viel Kontrolle man darüber entwickeln kann. Ich interessiere mich besonders für die Studien und Forschungen von Michael Pollan über psychedelische Psychotherapie als eine Möglichkeit, mit Hilfe von Psychedelika die eigene Denkweise zu verändern. Zum Beispiel bei der Behandlung von Süchten, Depression oder beim Aufbrechen negativer, sich wiederholender Muster. Oder einfach als Gegenmittel zu unserem oft starrsinnig engen Verstand.

BG: Du bist seit vielen Jahren erfolgreicher Independent-Künstler. Im Pressetext ist sogar von 'fiercely independent' die Rede. Was bedeutet das für Deine Musik? Schließt Du die Zusammenarbeit mit klassischen Labels aus?

ES: Das Musikmachen ist so wichtig und unverzichtbar für mein Wohlbefinden, dass ich immer darauf achte, den Prozess sehr privat und persönlich zu halten. Es ist eine Arbeit aus Liebe und Leidenschaft – und oft auch ein Kampf (ob finanziell oder emotional). Besonders während der Pride-Saison werde ich oft von vielen Firmen kontaktiert, die meine Musik für ihre Marke verwenden möchten, und ich lehne dies immer ab. Kollaborationen mit klassischen Labels schließe ich in der Regel auch aus.

Das Musikmachen ist so wichtig und unverzichtbar für mein Wohlbefinden, dass ich immer darauf achte, den Prozess sehr privat und persönlich zu halten.

BG: Forcierst Du beim Produzieren manchmal Hits? Fällt man künstlerische Entscheidungen insgeheim nicht auch immer ein wenig mit Blick auf den Zuspruch der Fans? Oder geht es ausschließlich um das Umsetzen der eigenen Vision?

ES: Ich komponiere immer das, was sich für meinen Geschmack gut und richtig anfühlt. Ich kann nie voraussagen, wie es am Ende klingen wird – das ist so ein ganz eigener Prozess in der Entstehung. Meistens ist das Ergebnis weit von der ursprünglichen Idee entfernt – einfach, weil der Prozess mich an diesen anderen Ort geführt hat. Jede neue Idee führt zu einer anderen. Das ist ein bisschen wie beim Malen, beim Arbeiten mit mehreren Schichten. Es kann also sein, dass ich anfange, einen sehr tanzbaren Track zu kreieren, und im Laufe der Zeit entwickelt er sich eher zu einem epischen Ambient-Trip. Ich liebe es, während des kreativen Prozesses überrascht und mitgerissen zu werden. Das ist gleichermaßen aufregend und anregend. Wenn der Track fertig ist, entscheide ich, zu welchem meiner Projekte er besser passt: ein Club-Track für 'Electrosexual' oder ein Ambient-Sound für 'Romain Frequency'.

BG: Damit sind wir direkt auch bei der nächsten Frage: Neben Deinem Projekt 'Electrosexual' veröffentlichst Du auch als 'Romain Frequency'. Dieser im Ambient verortete Sound steht deutlich im Kontrast zu Deinen sonst eher clubbigen Tracks. Erzähl uns über diese beiden Herzen in Deiner Brust!

ES: Ich habe eine Vorliebe für cineastische, epische Musik, die manchmal an einen dunklen Ort führt. Ich kreiere diese eher experimentellere Musik unter meinem Alter Ego Romain Frequency. Das ist meine Spielwiese, um Musik außerhalb der Clubs zu erleben.

BG: Welche Rolle spielt Dein drittes Herz: das Auflegen als DJ? In Deinen Sets präsentierst Du Dich musikalisch ja doch nochmals um einiges härter?

ES: Ich liebe die Spontanität und Freiheit beim Auflegen. Ich kann sofort eine Verbindung zum Publikum aufbauen und es in meine eigene Welt voller Tiefgründigkeit und Spaß entführen. Das sind zugleich auch immer flüchtige, vergängliche Momente.

BG: Was war Dein peinlichstes Erlebnis auf der Bühne? Was hast Du daraus gelernt?

ES: Ein Stromausfall während einer Live Performance. Das war peinlich! Aber das Publikum hat geklatscht und weiter getanzt. Und so wurde aus diesem albtraumhaften Moment eine wilde Trance.

BG: Welche Musik anderer Künstler*innen beeindruckt Dich ganz aktuell?

ES: Während des endlosen und verzweifelten Lockdowns habe ich die Diskographie von Coil wiederentdeckt. Das gab mir Halt – in all dem Chaos, mit dem ich umgehen musste. Ich bin ewig dankbar für ihr Gesamtwerk.

BG: Wir sind beide langjährige Madonna-Fans – aktuell vereinte Leidensgenossen, haha. Was war der für Dich beeindruckendste, prägendste Moment in der Zeit Deiner Ciccone-Jüngerschaft?

ES: Ich bin mit Madonna aufgewachsen und war immer begeistert und beeindruckt von ihrem Pop-Genie, der Zusammenarbeit mit den besten Produzenten und ihrem beeindruckenden Lebenswerk. Außerdem war sie ständig von queeren Tänzer*innen, Stylist*innen und Künstler*innen umgeben. Meine Lieblingsperiode ist das Jahrzehnt beginnend mit dem 'Like a Prayer'-Album, gipfelnd in der 'Blond Ambition'-Tour, und natürlich 'Erotica' und dem 'Sex'-Buch. Das war das erste Mal, dass ein Popstar Schwulen und Queers eine so kraftvolle und mutmachende Sichtbarkeit verlieh. Und das zu einer Zeit, als sie noch als Außenseiter galten. Beispiellos der Moment, wo in der Doku 'Truth or Dare' ihre sexy-flamboyanten Tänzer beim NYC-Pride auf der großen Leinwand zu sehen waren. Das inspirierte viele Freunde, sich zu outen! Sie war ihrer Zeit voraus und sprach offen über die Notwendigkeit von Aufklärung und Forschung in Bezug auf HIV und AIDS. All das hatte definitiv einen großen positiven Einfluss auf einen jungen Schwulen wie mich. Wer sich für den kreativen Prozess und die Technik hinter Madonnas Musik interessiert, dem empfehle ich den aktuellen Podcast Inside the Groove. Er beleuchtet, wie die Songs geschrieben und aufgenommen wurden, und erklärt den Prozess anhand rarer Demos, Outtakes sowie Multitrack-Session-Aufnahmen. Faszinierend!

Zum Schluss unsere fünf BOUYGERHL-Quickies:

Guilty Pleasure?
Ich hätte sofort Madonna gesagt, wenn ich nicht gerade schon ein ganzes Pamphlet über sie verfasst hätte. Deshalb wähle ich etwas zu Essen: Ich liebe Parmigiana, ganz langsam gekocht, das dauert gut fünf Stunden.

Celebrity Crush?
Ich fahre voll auf Cody von Ssion ab.

Dein perfekter Sonntag?
Auf einem guten Open-Air tanzen, wahrscheinlich mit Freunden, mit toller Musik.

Briefs, Trunks oder Boxershorts?
Nackt!

Berlin ist ...?
lebendig.

  • Interview Zacker
  • Fotos Ema Discordant, Kyri Tarassidis