Rotwein, Anohni und ein paar Tränen – oder: Was soll das alles?

Zacker - der Bouy hinter dem Projekt / © Stefan Gunnesch

Heute ist der Tag. Ich habe feierlich eine Flasche 2013er Rioja geköpft und es mir vor meiner Tastatur gemütlich gemacht - gemütlich für den ersten Blog-Post. Über meine Kopfhörer wärmt mich Beth Gibbons mit 'Funny Time of Year'. Irgendwie passend. Ist es doch für alle eine sehr spezielle Zeit. Corona hat uns im Griff - den Kopf, das Herz und alles dazwischen. Ich tue mich schwer, diesen Artikel mit der Floskel 'Wenn es durch die Pandemie etwas Gutes gab...' zu starten - aber ohne diese unfreiwillig gewonnene Freizeit hätte ich das BOUYGERHL-Projekt sicherlich nicht so schnell online bekommen.

Gut ein halbes Lockdown-Jahr saß ich an Konzeption und Idee, habe meinen Designer gelöchert und den Programmierer in den Wahnsinn getrieben - von meinem Ehemann ganz zu schweigen. Nun ist mein Baby endlich da! Aufregung, Zweifel, Stolz, Respekt, Vorfreude - meine Gefühle fahren emotionales Autoscooter. Denn wie jedes Baby, habe auch ich noch alles vor mir: Kinderkrankheiten, Entwicklungsschübe, Trotzphasen und mit Sicherheit auch das ein oder andere über die Stränge schlagen - aka Pubertät d'amour.

Achso - ich hätte fast vergessen, mich vorzustellen. Ich bin Zacker.

Manifest

BOUYGERHL ist ein Archiv für queere Musik. Im Fokus stehen Kurzportraits von Acts, die sich als queer / lesbisch / schwul / bi / trans / non-binär identifizieren. Komplettiert wird das Portal durch Interviews sowie einen Blog über anstehende Veröffentlichungen, Tourdaten und relevante News. Mit meinem Projekt möchte ich das gesellschaftliche Bewusstsein schärfen. Es geht um Sichtbarkeit, Selbstverständnis und Empowerment von LGBTQ*. Es geht um Identität. Denn Identität ist Realität!

Kriterium für die Aufnahme in die Datenbank ist, dass sich die präsentierten Musiker*innen jemals öffentlich als queer identifiziert haben. Bei dieser Definition gibt es für mich kein 'zu wenig' oder 'zu viel' queer, kein richtig oder falsch. Es zählt allein das Bekenntnis und die Stimme, und damit der Beitrag zur Repräsentanz und Gleichstellung von LGBTQ+.

Ich entscheide dabei auch nicht über Relevanz. Denn egal, ob subtil oder laut: Sobald sich Fans durch Musik direkt oder indirekt mit den Themen Identität, Sexualität und Gender auseinandersetzen, leistet der Act seinen Beitrag zur Schaffung einer gesellschaftlichen Selbstverständlichkeit. Darüber hinaus können diese Stimmen Rolemodel für die Selbstfindung sowie Vorbild für ein offenes Miteinander sein.

Auch spielt bei der Auswahl der Musiker*innen mein persönlicher Geschmack keine Rolle – es gibt hierbei kein 'gute' oder 'schlechte' Musik. Pop neben Punk, Indie neben Schlager, Rap neben Country und Singer-Songwriter neben Industrial. Auch ist die Quantität der Releases nicht ausschlaggebend – egal ob 1 Song oder 30 Alben. Denn wer möchte schon z.b. auf 'Aow Tou Dou Zat', den One-Hit von Jean Paul Gaultier von 1989, verzichten?

Der Name

Der Name BOUYGERHL ist eine Hommage an die New Yorker Musikerin Anohni – eine der progressivsten queeren Künstlerinnen unserer Zeit und leidenschaftliche Stimme im Kampf für Transgender- und Frauenrechte. Der Name ist eine lautmalerische Verschmelzung der Songtitel 'For Today I Am A Bouy' und 'Bird Gerhl' vom wegweisenden Album 'I Am A Bird Now' aus dem Jahr 2005 (veröffentlicht als Antony & The Johnsons). Die Songs handeln von Geschlechtsidentität und vom Hinterfragen, vollendet in einer mutmachenden Botschaft voller Selbstbewusstsein, Zuversicht und Kraft.

Die Worte 'Bouy' und 'Gerhl' im Projektnamen sind dabei nicht binär zu verstehen – also stellvertretend für männlich oder weiblich – sondern bereits als Aufweichung in sich. BOUYGERHL als Referenz auf diese beiden Songs, ist eine Fusion all dieser Gedanken, die Essenz einer Realität, ein Statement!

Mich verbindet mit Anohni eine lange, intensive Geschichte. 2001: Ich ein junger, gehörig emotionaler Grufti-Bouy, Antony & The Johnsons veröffentlichen auf dem Durtro-Label von Current 93 die Single 'I Fell In Love With A Dead Boy'. Ein Song wie ein Messerstich - schmerzvoll, herzzerreißend, tränenselig. Dass die B-Seite mit 'Mysteries of Love' ein Cover von Julee Cruise war, machte alles noch bedeutender.

Zäsur!

2004 das erste Konzert in Deutschland auf der Biennale in Bonn als Gast, gefühlt nur eine Handvoll Gäste. 2005 dann das selbst organisierte Konzert in meiner Heimatstadt Leipzig. Ungebrochene Leidenschaft - bis heute.

Der Bouy dahinter

Hinter BOUYGEHRL stecke ich - Zacker, Veranstalter aus Leipzig. Seit 20 Jahren organisiere ich Konzerte, Partys und Festivals, stets mit dem Fokus auf queerer Musik. Aus zunächst rein persönlichem Interesse wird nun ein kleiner Beitrag zum gesellschaftlichen Diskurs. Mein Beweggründe: Die Sichtbarkeit von queeren Musiker*innen fördern, die – im wahrsten Wortsinn – ihre Stimme heben. Und zum anderen, der Aufbau einer Community, die meine Leidenschaft für Musik teilt und Neues entdecken will. Damit seid ihr gemeint *insertsmilie*.

Angefangen hat alles 2003 mit meiner Partyreihe 'Zacker Nights'. 2006 und 2007 folgten zwei Ausgaben des 'BOUYGERHL Queer Music Festival' (ja, der Name ist somit Second Hand) mit Schwerpunkt auf queeren Konzerten. Die Freude am Organisieren von Live-Acts sowie die wachsende Begeisterung für Clubmusik vereinten sich 2008 schließlich in meiner bis heute stattfindende Reihe 'NO NO NO! - for bouys and gerhls and criminal queers' (gibt es auch sowas wie Third Hand?). Unter diesem Label veranstalte ich seitdem queere Partys, Konzerte, Kinoabende und mehr.

Braucht es das alles noch?

Ich höre bereits die User-Kommentare, deren Meinung nach das ganze Thema doch seit den 90er Jahren 'schon durch sei'. Die Gesellschaft ist doch tolerant. Queers sind doch überall sichtbar. Und man könne doch mittlerweile sogar heiraten! Braucht es da noch ein gesondertes Label 'queere Musik'?

Ich verstehe diese Argumente, bin aber der festen Überzeugung, dass es nach wie vor wichtig ist, der LGBTQ+-Szene eine starke Stimme zu geben, die Community zu versammeln und sichtbar zu machen - denn wir sind noch lange nicht angekommen! Marco Kreuzpaintner hat es im Interview auf queer.de auf den Punkt gebracht:

"Es gibt in Deutschland eine gewisse Form von weißer heterosexueller Arroganz, die glaubt, dass es eine Diskriminierung von queeren Menschen und Menschen anderer Hautfarbe nicht gibt. Da gibt es also schon in der Denkweise einen Rückstand, der wahnsinnig schwer aufzuholen ist. Das können wir nur abbauen, wenn wir das Thema immer wieder angehen – und dann auch die Leute mitdiskutieren dürfen, die es betrifft und die dazu etwas zu sagen haben. [...] es wurde eben ein Klima geschaffen, in dem so etwas – außer um darüber zu witzeln – nicht zur Sprache kommt. In der arroganten Annahme, dass wir längst weiter seien."

Zudem spüren wir momentan doch alle auch die gesellschaftliche Veränderungen, Übergriffe, Agendas diverser Staaten, die gefühlten Schritte rückwärts. Die Frage für mich ist also nicht, ob es das alles 'noch' braucht - sondern eher, ob nicht sogar 'wieder'. Laut und selbstbewusst!

Beenden möchte ich diese Gedanken mit einem anderen Zitat, das mich in meiner oft verwirrenden und unsicheren Jugend mutig bleiben lassen hat. Für mich bis heute ein Anker - und so universell wie bereits vor 30 Jahren.

Poor is the man whose pleasures depend on the permission of another.

Luv!

Zum Schluss möchte ich drei Personen aus vollem Herzen Danke sagen. Ohne Euch wäre das Projekt so nicht möglich gewesen.

Da ist zum einen Christoph Buchwald - verantwortlich für das Logo und das Webdesign. Danke für über 20 Jahre berufliche Partnerschaft und uneingeschränkten Support bei allen grafischen Fragen. Dann Nicky Hoff - verantwortlich für die Programmierung und technische Betreuung. Danke für das Aushalten meiner Ungeduld.

Und die wohl wichtigste Person: Manuel - Ehemann und Fels in der Brandung. Danke für das Zuhören, Mitplanen und Beruhigen - speziell in der letzten heißen Phase. Und Danke fürs unermüdliche Kopfkraulen. Hihi.

Apropos Luv: Ihr findet BOUYGERHL natürlich auch auf Social Media - also Facebook und Instagram. Liken, teilen, kommentieren, anschreiben - ich freue mich über jeden Support und Austausch.

Outro

Über meine Kopfhörer wärmt mich mittlerweile Joni Mitchell mit 'Both Sides Now'. Da sind Tränen. Gute Nacht.

  • Beitrag Zacker